Predigt von Pfarrerin Wille für Pfingsten 2020

Predigt, Pfingsten 2020, Apg 2,1-13

 

Liebe Gemeinde,
Geburtstag feiern
Pfingsten feiern wir heute, den Geburtstag der Kirche. Die Kirche ist unsere Jubilarin heute! Und wie viele, die in den letzten zwei Monaten ihren Geburtstag gefeiert haben, hat sich wohl auch die Kirche ihren Geburtstag anders vorgestellt: mit vielen Gästen, dicht gedrängt, mit gemeinsamen Gesang und Jubel des Chores. Ein rauschendes Geburtstagsfest, ein rauschendes Pfingstfest.

Aber jetzt ist es eben anders. Das habe ich auch oft gehört, wenn ich mit Jubilaren aus unserer Gemeinde in den letzten Wochen gesprochen habe – jetzt ist es eben anders. Das große Fest ist abgesagt, aber die Kinder kommen auf die Terrasse auf Abstand. Die Nachbarin kommt auch noch dazu. Anstoßen auf Abstand. „Und dann“, so hat mir eine Frau erzählt, „dann wurde es einer der entspanntesten Geburtstage, die ich je hatte. Kein Bewirtungsstress. Sondern einfach nur – auf Abstand – beieinander sitzen und Zeit zu reden, zu erzählen“. 
So wollen wir es heute auch halten – wir sind eine kleinere Geburtstagsgesellschaft als erwartet, aber wir sind eine. Wir singen dem Geburtstagskind kein Ständchen, aber wir können trotzdem ins Gespräch kommen. Erzählen von gemeinsamen Erfahrungen.
So wie bei einem Geburtstag alte und neue Weggefährten von gemeinsamen Erlebnissen erzählen.
Um solche Erlebnisse, die Menschen mit dem Geburtstagskind Kirche gemacht haben, soll es heute gehen.

Der Tag der Geburt

 

Eine ganz alte Weggefährtin haben wir schon vorhin in der Lesung gehört. Sie kennt die Kirche seit ihren Anfängen und kann so manche Geschichte von ihr erzählen. Eben auch wie alles begann: also die Geburtsgeschichte der Kirche. So haben wir es vorhin in der Apostelgeschichte gehört. 
Pfingsten, der Geburtstag der Kirche, so erzählt die alte Weggefährtin, die Bibel, das war ein überwältigendes Ereignis für alle Sinne. Der Heilige Geist kam herab und die Kirche wurde geboren. Und zwar nicht still und leise, sondern unter Brausen und Getöse. Mit Stimmengewirr und großer Gesellschaft. Alle kamen damals miteinander ins Gespräch, über Sprachbarrieren hinweg. Eine echte Party! Und eine, die nachwirkte. Manches schien für Außenstehende vielleicht mysteriös. Bei manchen drängte sich sogar der Verdacht auf, da sei wohl Alkohol im Spiel.
Wie dem auch sei: die Menschen waren begeistert – vom Geist ergriffen. Und sie blieben nicht für sich allein, sie zogen los, erzählten den Menschen, von dem, was sie erlebt hatten. Dabei fanden sie die passende Sprache und die richtigen Worte für ihre jeweiligen Hörerinnen und Hörer. Plötzlich scheint es möglich: gegenseitiges Verstehen und echte Gemeinschaft über alle Unterschiede hinweg! Begeisterung und ansteckende Fröhlichkeit! So erzählt es die Bibel.
Beim Geburtstag erzählt man sich eben gern die Geschichten von der Geburt. Aber bei der Geburtstagsfeier heute sollen auch Geschichten aus dem folgenden Leben der Kirche erzählt werden.

 

Trost und Stütze

 

Eine Weggefährtin der Kirche erzählt so:

„Die Kirche bedeutet für mich, dass ich mich zuhause fühle. Als Kind habe ich in einem Dorf gewohnt. In der Mitte stand die Kirche und davor war ein Platz, auf dem wir Kinder gespielt haben. Die Kirche stand offen und manchmal, vor allem an heißen Tagen, habe ich mich ein bisschen in die Kirche gesetzt. Das hat sich schön angefühlt. Besonders und doch wie nach Hause kommen. Ich mochte die Stille, das gedämpfte Licht und das Gefühl, das ich nicht allein bin, auch wenn außer mir niemand in den Reihen saß. Ich muss dort gar nicht unbedingt beten, einfach nur sitzen und sein. Als Jugendliche war ich dann mit anderem beschäftigt.  

Eine innere Nähe zur Kirche entstand wieder, als mein erstes Kind starb. Marie war zu früh zur Welt gekommen, sie war klein und schwach, sie hat gekämpft. Aber nach fünf Wochen starb sie. Nach ihrem Tod war ich wie gelähmt. Der Krankenhausseelsorger hat sich neben mich gesetzt. Erst hat er einfach nur mit mir dagesessen. Irgendwann hat er gefragt, ob er für mich und meine Tochter beten dürfe. Ich saß da. Ich hatte mein Kind verloren und wollte nicht über meine Gefühle sprechen. Aber ich musste sie irgendwie aushalten. Und es tat gut, das nicht allein tun zu müssen. Und es tat gut, dass da jemand für mich und meine Tochter betete. Als ich da saß, so tieftraurig wie noch nie in meinem Leben, war Kirche als Heimat, die ich als Kind gespürt hatte, plötzlich wieder da. Auch wenn nichts gut war, war ich nicht allein. Und das tat gut.“

 

Begegnung mit Jesus

 

Ein anderer erzählt so von seinen Erfahrungen mit dem Geburtstagskind Kirche: „Als Jugendlicher konnte ich mit Kirche nicht besonders viel anfangen. Alles zu abgehoben, habe ich gedacht. Und langweilig. Aber ein guter Freund, mit dem ich öfter kicken war, war im CVJM engagiert. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mal mitzukommen. So kam ich zur Jugendarbeit der Kirchengemeinde. Ich habe mit ihm dann selbst eine Jungschar geleitet und bei der Kinderbibelwoche mitgeholfen. Und da ist ein Satz gefallen, der mir im Gedächtnis geblieben ist. „Mach es wie Jesus, werde Mensch“. Dieser Satz ist mir bis heute wichtig. Kirche ist der Ort, an dem Menschen wirklich Menschen sind. Nicht weil ihnen die Kirche sagt, wie sie zu sein haben und ihnen moralische Vorschriften macht. Sondern weil die Menschen in der Kirche sich an Jesus orientieren, der gezeigt hat, worauf es im Leben ankommt: Die eigenen Talente, die mir von Gott geschenkt sind, erspüren und entwickeln. Schwächen zulassen, eigene Fehler zugeben und andern ihre verzeihen. Jesus hat gezeigt, dass es Menschen nicht guttut, nur nach sich zu schauen und sein eigenes Ding zu machen, sondern dass es darum geht, Gemeinschaft mit anderen Menschen zu suchen und zusammen eine möglichst gerechte Gesellschaft zu gestalten. Gerade als Jugendlicher hatte ich öfter das Gefühl: Das schaffst du nie! Da tat mir die Gemeinschaft mit anderen Jungendmitarbeitern gut. Wir haben unsere Ideen diskutiert, wie die Welt besser werden könnte. Wir haben aber auch darüber gesprochen, wo wir hinter unseren eigenen Ansprüchen zurückbleiben. Wo wir Fehler machen. Auch das gehört zu meiner Erfahrung mit Kirche: Ich bin ein Mensch, es ist in Ordnung, wenn ich scheitere. Bei Gott habe ich immer wieder eine neue Chance.“

 

Gemeinschaft der Heiligen

 

Es soll heute auch ein Weggefährte von früher zu Wort kommen. Dietrich Bonhoeffer, der am 9. April vor 75 Jahren, kurz vor Ende des Krieges von Nationalsozialisten hingerichtet wurde, hat seine eigenen Erfahrungen mit der Kirche gemacht.

Die Kirche, das ist Bonhoeffers großes Thema. Er schaut kritisch auf die Institution der Kirche seiner Zeit im Nationalsozialismus. Sie Kirche stellt sich dem NS-Regime nicht entschieden in den Weg. Das wäre aber ihre Aufgabe, denkt Bonhoeffer! Trotzdem gibt Bonhoeffer die Kirche nicht auf. Kirche – so sagt er, das ist nicht einfach eine Institution, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen. Und diese müssen sich immer wieder die Frage stellen: Was bedeutet Christus für uns heute, in unserem Leben. Um diese Frage zu beantworten, sagt Bonhoeffer, helfen fromme Floskeln nur wenig. Um diese Frage zu beantworten, braucht es den ganzen Menschen, mit seinem Herzen und auch mit seinem Verstand. Bonhoeffer ist überzeugt: der Glaube an Jesus Christus, der die Kirche trägt, der ergreift den ganzen Menschen, immer wieder, sein Leben lang. Die wahre Kirche Jesu Christi lebt durch solche Menschen, die sich durch Gottes Geist ergreifen lassen, für den Glauben an Jesus Christus einstehen, indem sie beten, das Gerechte tun und auf Gottes Zeit warten. Das klingt einfacher gesagt als getan. Bonhoeffer selbst hat sich darum bemüht. Briefe und Texte, die er im Gefängnis in den Jahren vor seinem Tod geschrieben hat, geben davon Zeugnis. Und berühren uns heute noch.

 

Beziehungspflege

 

Liebe Gemeinde,

 

drei Weggefährten der Jubilarin, die heute zu Wort gekommen sind. Ein paar einzelne aus der riesengroßen ökumenischen Gemeinschaft, die über die Zeiten und Orte hinweg eigene Erfahrungen und Erlebnisse mit Kirche gemacht haben und selbst dazu beigetragen haben, dass andere Erfahrungen mit Kirche machen. Kirche, die Trost und Halt gibt, Kirche, in der ich Jesus kennenlernen kann, Kirche, die die Gemeinschaft der Heiligen sein soll – und deshalb kritisch und selbstkritisch nach dem richtigen Weg sucht, gerade in schweren Zeiten, wie wir sie gerade erleben.

 

Der Pfingsttag heute, der Geburtstag der Kirche ist auch für uns, für Sie und mich eine gute Gelegenheit, die eigene Beziehung zum Jubilar zu bedenken. Uns an Erlebnisse zu erinnern, die uns mit Kirche verbinden: schöne und ermutigende, und vielleicht auch traurige oder enttäuschende. Heute am Pfingstfest ist auch Gelegenheit, zu überlegen, was ich mir für die Beziehung wünsche. Eine Gelegenheit, auf den eigenen Funken im Herzen zu schauen und mich neu begeistern zu lassen.

 

Amen